5 Gründe, warum wir „Bildung“ neu denken müssen, wenn wir fit für „new work“ sein wollen

Hallo Welt!

Wie der ein oder andere ja schon über diesen Blog und ggfs. Twitter erfahren hat, bin ich ja nicht nur im Thema „New Work“ unterwegs, sondern beschäftige mich seit circa 3 Jahren auch mit dem Thema „Bildung“, unserem Schulsystem, den neurobiologischen Vorgängen im Gehirn beim Wissenserwerb und den Auswirkungen, die diese Erkenntnisse auf mich als Vater dreier junger Menschen haben.

Je öfter ich Kontakt zu Menschen habe, die sich mit den Auswüchsen der neuen Arbeitswelt und der Komplexität in der Welt beschäftigen, desto stärker habe ich das Gefühl, unser staatlich so existierendes Bildungssystem ist nicht dazu geeignet, Menschen dabei zu unterstützen, selbstbestimmte, sich ihrer Potentiale bewusste Wesen zu sein.

Ich sage bewusst nicht „zu werden“, denn meine (wissenschaftlich nicht zuletzt durch Arbeiten von Gerald Hüther, dessen Forschung ich für extrem wichtig erachte, belegte) Überzeugung ist es, dass wir wir alle von Geburt an mit Fähigkeiten ausgestattet sind, die uns ermöglichen, unsere eigenen Potentiale zu entdecken, zu entfalten und der dynamischen, komplexen Welt um uns herum damit zu begegnen.

Aber genug der Einleitung, hier kommen meine

5 Gründe, warum wir „Bildung“ neu denken müssen, wenn wir fit für „new work“ sein wollen

#1 Wir wollen Widerständigkeit und Selbstbestimmung, aber erziehen hin zu Gehorsam und Fremdbestimmung

Wenn in Systemen gehorcht wird, statt zu hinterfragen und anzukreiden, kommen im Schlimmstfall Dinge wie ein Stück Software heraus, das auf dem Prüfstand die Motorleistung reguliert, um weniger Abgase zu produzieren. Einige Unternehmen sind sich dieser einfachen und simplen Wahrheit schon seit einer Weile bewusst, in vielen Schulen führen Skepsis und kritisch nachfragende Widerständigkeit aber leider noch immer eher zu Nachteilen für die Schüler_innen als zu einem gegenseitigen Befruchten und gemeinsamer Reflexion.

„Widerstand ist zwecklos“ – Oder vielleicht doch nicht?

Das muss sich ändern. „Widerständigkeit als höchste Form der Loyalität“ hat ein Kollege von mir das mal genannt, und diese Einschätzung teile ich. Jemand, der mit dem Wissen, eine Irritation zu erzeugen, seine Bedenken äußert, dem ist vermutlich genug an einer Sache gelegen, um die Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

#2 Wir brauchen herausragende Talente, die der Komplexität der Welt mit Ideen begegnen können, aber wir wenden das Gießkannenprinzip an

Anstatt (junge) Menschen mit Problemen zu konfrontieren, an denen sie sich selbstständig nach ihrem Interesse im Rahmen eines leistbaren Verlustes mit ihren Fähigkeiten und ihrem Wissen ausprobieren können, schütten wir über dem Deckmantel der Allgemeinbildung alle Schüler_innen mit dem gleichen austauschbaren Wissen voll.

Dichtefunktion der Standardnormalverteilung

Die Normalverteilung ist der perverse Ausdruck dieser Maxime: Anstatt die Andersartigkeit der Menschen anzunehmen und sie mit ihren Talenten in ihrer Individualität zu sehen, zu begleiten und falls gewünscht zu unterstützen ist es gängige Praxis, für einen „guten Durchschnitt“ zu sorgen. Ein Oxymoron, denn „gut“ und „Durchschnitt“ widersprechen sich. Abgesehen davon, dass „Durchschnitt“ keine besonders leuchtende Aussicht ist.

#3 Wir reden von „Achtsamkeit“, „Anstand“ und „Augenhöhe“, aber entmündigen unseren Nachwuchs

Was Reinhard Sprenger in seinem Buch „Das anständige Unternehmen“ für Unternehmen treffend beschreibt, hat für Schulen genau so Relevanz. „Fordern und Fördern“ ist ein geflügeltes Wort im Kontext diverser Bildungsinstitutionen, zu denen ich auch schon Kindertagesstätten zähle.

Denn abgesehen von grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Grundrechnen, die zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben befähigen, überschütten wir unseren Nachwuchs in Schulen mit Inhalten, von denen einige Menschen sich gedacht haben, er wäre „notwendig“ und „sinnvoll“. Angebote, die so oder in anderer Form auch im privaten stattfinden.

Leuchtende Farben, unrealistische Proportionen. Gut gemeint, schlecht gemacht.

Das geht los bei der Auswahl von Spielzeug, wo wir jungen Menschen „für Kinder geeignetes“, in absurden Farben leuchtendes Plastikspielzeug mit Gesichtern schenken und damit auch noch meinen, ihnen etwas gutes zu tun. Auf gut deutsch: Wir verarschen unsere Kinder. Anstatt ihnen über freiwillige Angebote und Impulse einen Zugang zur Umwelt zu ermöglichen und uns die Zeit zu nehmen, ihnen mit Würde und Bedacht Zusammenhänge zu erläutern, füttern wir sie mit beschnittenen Versionen der Realität.

Junge Menschen wünschen sich ein „dazu gehören“ zur Gemeinschaft, ein ernst genommen werden in ihren Bedürfnissen. Nur weil ein junger Mensch sprachlich vielleicht noch nicht in der Lage ist, komplexe Konzepte zu verstehen, sollten wir ihm diese nicht vorenthalten oder verfälschen. Ein ehrliches „Das weiß ich jetzt auch nicht, da muss Mama/Papa erst mal nachlesen.“ wird viel eher nachvollzogen als ein „Das ist halt so.“.

#4 Weil die Wissensvermittlung als primärer Zweck von Schule im Zeitalter von frei verfügbaren Daten endgültig obsolet ist

Bibliotheken, Mediatheken, unfassbar gut aufbereitete Quellen von Wissen im analogen und digitalen Raum.

In einer Zeit, in der flächendeckender Analphabetismus der Standard war und der Buchdruck noch in den Kinderschuhen steckte, mag es in Teilen sinnvoll erschienen haben, möglichst vielen Menschen einen Zugang zu Bildung und Wissen zu ermöglichen. Hier muss man wissen: Noten wurden geschaffen, um über Leistung anstelle von „gesellschaftlichem Stand“ bestimmen zu können, wer Zugang zu „höherer Bildung“ erhielt. Eine im Kern gute Idee, die aber im Wandel der Zeit an Relevanz verloren hat.

Wenn ein Mensch sich für ein Thema interessiert, hat er durch die Möglichkeiten der direkten Suche nach Daten sowie die Vernetzung, die alleine das Internet bieten mehr als genug Möglichkeiten, an Wissen zu gelangen. Und zwar an genau das, dass er/sie grade benötigt. Die „Vergessenskurve“ nach Ebbinghaus zeigt dabei deutlich, wie unsinnig vieles von dem ist, was an Schulen und Universitäten veranstaltet wird. Wissen, das nicht im Alltag Verwendung findet, wird rapide wieder vergessen.

Wird Wissen also in so einem Kontext erworben und der/die Schüler_in muss immer wieder „überlernt“ werden, damit „mehr hängenbleibt als man vergisst“, bleibt eine Erkenntnis: Was nicht hängen bleibt, ist Wissen. Was aber hängenbleibt, ist die Schmach und die negativen Emotionen, die mit „Du bist noch nicht gut genug“ verknüpft sind.

#5 Weil wir die Probleme unserer Welt ganz offensichtlich nicht mit „Mehr vom gleichen“ lösen können

Enger gewordene Märkte und effizientere Möglichkeiten der Produktherstellung führen dazu, dass der Bedarf für „Standard“-Produkte sinkt. Spinnt man diesen Gedanken weiter, merkt man schnell, dass dadurch implizit ja auch der Bedarf für Menschen sinkt, die „Standard“-Produkte herstellen und „Standard“-Lösungen liefern.

Mit „Der Kunde kann jede Farbe bekommen, solange sie schwarz“ ist würde ein Henry Ford heute keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Taylorwanne nach Gerhard Wohland, CC-BY-NC-ND 4.0, im Original unter http://dynamikrobust.com/wp-content/uploads/2016/03/Denkzettel-7-Taylorwanne.pdf

Die durch Gerhard Wohland geprägte Taylor-Wanne (das von ihm und Mattias Wiemeyer verfasste Buch: „Denkwerkzeuge der Höchstleister“ habe ich auch hier im Blog schon beleuchtet) beschreibt diesen Umstand sehr treffend. Bedingt durch neue Technologien und die Globalisierung sind die Märkte wieder viel enger beisammen, Unternehmen, die in der Lage sind, durch Diversität und Talente funktionierende Produkte herzustellen und zu vertreiben üben zunehmend Marktdruck auf konventionelle Unternehmen aus. Ein Trend, der sich meiner Einschätzung nach in den nächsten 5-10 Jahren deutlich verschärfen wird.

Skaleneffekte und effizient produzierter Standard sind keine Garanten mehr für Wohlstand. Warum halten wir dann an einem Bildungssystem fest, das auf Prinzipien fundiert, die weit über 120 Jahre alt sind und (wenn auch damals genial) heute hoffnungslos überholt sind?

Ob man nun mit Idealismus und Weltverbesserertum argumentiert oder mit der blanken Tatsache, dass „mehr vom Gleichen“ nicht mehr ausreichen wird, um bestehende Umsätze überhaupt zu halten, geschweige denn zu erhöhen, spielt hier keine Rolle mehr.

 

Fest steht: Ich bin davon überzeugt, dass die „Neue Wirtschaft“ ein Verbündeter für neue Ansätze in der Bildung ist. Einfach aufgrund der schieren Notwendigkeit heraus, aktuelle und zukünftige Probleme lösen zu können. Und mit „neuen Ansätzen“ meine ich keine Reformen, sondern eine grundlegende Überarbeitung des Schulanwesenheitszwangs und der Angebote der öffentlichen Hand für (junge) Menschen.

Gruß, euer „devopsdad“ Patrick

P.S.: Mit diesem Blogbeitrag nehme ich (spät aber noch pünktlich) an der Blogparade von intrinsify.me zum 33. Wevent in Eisenach mit dem Motto „Die wichtigsten (95) Thesen über die Neue Wirtschaft“ teil.

P.P.S.: Weiterführende Links:

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Autor: Patrick

Usability-Typ. Automatisierung, Lean Startup und ETL. Agile und DevOps-Fan, der sich nicht verstellen möchte. Verheiratet und Papa von drei wunderbaren jungen Menschen Baujahr 2012 und 2014(Zwillinge).

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